1965: Beat-Club

Die erste Musiksendung für junge Leute im Fernsehen wurde ein grandioser Erfolg und prägte eine ganze Rock’n Roll- und Beat-Generation.

Mikrofoneinstellung für Uschi Nerke im Studio
Uschi Nerke war von der ersten Sendung an Moderatorin im Beat-Club. Bild: Radio Bremen | Jutta Vialon

Es begann am 25. September 1965 mit einer Warnung:

Guten Tag, liebe Beat-Freunde! Nun ist es endlich soweit. In wenigen Sekunden beginnt die erste Show im Deutschen Fernsehen, die nur für Euch gemacht ist. Sie aber, meine Damen und Herren, die Sie Beat-Musik nicht mögen, bitten wir um Ihr Verständnis: Es ist eine Live-Sendung mit jungen Leuten, für junge Leute. Und nun geht's los!

Wilhelm Wieben, Beat-Club-Ansager und späterer Tagesschau-Sprecher

Von 1965 bis 1972 wichtigste TV-Musik-Sendung

Go-Go-Girls
Michael Leckebusch wollte Go-Go-Girls in seiner Sendung. Dazu suchte er acht bis zehn Mädchen, woraufhin sich etwa 1.000 Mädchen meldeten. Bild: Radio Bremen | Jutta Vialon

Der Beat-Club war die erste Musiksendung für Jugendliche im deutschen Fernsehen, in der Stars ihre großen Hits vorgestellt haben. Radio Bremen produzierte zwischen 1965 und 1972 insgesamt 83 Sendungen. Einmal im Monat, an einem Samstag, wurde sie im Ersten der ARD (zunächst) live ausgestrahlt. Ab dem 31. Januar 1970 wurde in Farbe gesendet. Zwischenzeitlich wurde die Sendezeit von 30 Minuten auf 60 Minuten ausgedehnt. Der WDR kam als mitproduzierender Partner hinzu.

Fünf Mal wurde der Beat-Club auch aus anderen Locations übertragen. So zum Beispiel aus dem Londoner Beat-Lokal "Tiles" oder dem Londoner "Marquee Club". Passend, denn der Beat-Club setzte auf die neuesten Musik-Trends aus England.
Im Beat-Club Folge 18 aus dem Marquee traten die angesagtesten Bands des Jahres 1967 auf: Geno Washington, The Smoke, Cliff Bennett & The Rebel Rouser, und zum ersten Mal in einer TVSendung, The Who und Jimi Hendrix. Nach diesem spektakulären Line Up war der Beat-Club ein Muss für alle Bands der Beat-Ära.

Die erste Sendung

Beat-Club
Am Anfang wirkte der Beat-Club, der von 1965 bis 1972 über den Bildschirm flimmerte, noch recht bieder. Bild: Radio Bremen | Jutta Vialon

Der Sendestart des Beat-Club war am Samstag, dem 25. September 1965, um 16.47 Uhr. Die 30-minütige Live-Sendung begann mit einer Programmansage von Wilhelm Wieben, dem späteren Tagesschau- Sprecher. Etwa 300 Gäste waren beim Auftakt im Radio Bremen-Studio, das damals noch in einer Bremer Garage in der Heinrich-Hertz-Straße war. Eingeladen waren die Beat-Bands, "die dem jungen Publikum schon bestens bekannt sind", hieß es in der Pressemitteilung zum Start der Sendung. Das waren: Die Bremer Yankees, in ihrer Zeit eine der beliebtesten Bands in Bremen, die Liverbirds aus Liverpool und die Band John O’Hara & His Playboys, die kurzfristig für die Firestones eingesprungen waren. Moderiert wurde die Sendung von Uschi Nerke und dem DJ und Mit-Ideengeber Gerd Augustin.

Erfolg in Zahlen

Gerhard Augustin, Uschi Nerke, The German Blue Flames im Beat-Club mit Publikum
Gerhard Augustin, Uschi Nerke und The German Blue Flames in der 2. Folge vom Beat-Club Bild: Radio Bremen | Jutta Vialon

Schnell erreichte die Sendung Kultstatus – über die Grenzen Deutschlands hinaus: Der Beat-Club wurde für über 70 Millionen Zuschauer in über 30 Länder exportiert. Darunter Finnland, Ungarn, Thailand und Tansania. Der Beat-Club wurde so populär, dass regelmäßig 63 Prozent der Deutschen unter 30 Jahren die Sendung geschaut haben. Und bis zu 75 Prozent aller Jugendlichen zwischen 14 und 20 Jahren. Jeder zweite von Infratest befragte Teen und Twen (55 Prozent) bewertete die Sendung mit "ausgezeichnet" oder "gut".

Beat-Club wird zum "Muss" für Bands der Beat-Ära

Dank der engen Zusammenarbeit mit dem Hamburger "Star-Club" sind gerade in der Anfangszeit viele englische Bands, die dort aufgetreten waren, auch in das Studio von Radio Bremen gekommen. Schon bald war der Beat-Club auch international bekannt: Es traten Stars wie Jimi Hendrix, die Bee Gees und The Who auf. In der fünften Sendung schließlich sah man im Beat-Club auch die Beatles – in einem Videoclip, der in der Sendung eingespielt wurde. Denn seit 1965 waren die Beatles auf keiner Bühne mehr live zu hören. Sie stellten dem Beat-Club und in England der BBC aber ihre Videos zur Verfügung. Um sicher zu gehen, dass die Bänder auch in Bremen ankamen, holte Regisseur Mike Leckebusch sie persönlich in der Saville Row 3, dem Sitz der Beatles, in London ab. Die legendäre Erkennungsmelodie des Beat-Club war von "The Mood Mosaic Featuring The Ladybirds". Der Song heißt "A touch of velvet".

Es traten nahezu alle Künstler auf, die auch noch heute ein Begriff sind: The Beach Boys, Santana, The Cream, The Byrds, Deep Purple, The Doors, Fleetwood Mac, Alice Cooper, Chicago, Johnny Cash, Grateful Dead, Procul Harum, Kinks, Frank Zappa, Kraftwerk, Hollies, Tremeloes und viele andere mehr.

Regisseur, Moderatoren und Mitwirkende

Michael "Mike" Leckebusch war der Initiator und Regisseur des Beat- Club. Er war gerade 28 Jahre jung, als Radio Bremen ihn mit der Koordination einer neuen Sendung für Jugendliche beauftragte. Dafür stellte man ihm eine halbe Stunde Sendezeit zur Verfügung. Uschi Nerke war von der ersten Sendung an Moderatorin im Beat-Club. Ganz unverhofft: Eigentlich konzentrierte sich Nerke gerade auf ihren Gesang, wollte für Rudi Carrells erste Show vorsingen. Doch Carrell stellte Nerke lieber Leckebusch vor, der gerade den Beat-Club vorbereitete. Seitdem sollte sie die Moderatorin des Beat-Club sein.

Michael Leckebusch
Initiator und Regisseur Michael Leckebusch Bild: Radio Bremen | Jutta Vialon

Gerd Augustin war mit Uschi Nerke zusammen Moderator der ersten Sendungen. Als DJ hat er ab 1963 im "Twen Club" in Bremen angesagte Tanzmusik aufgelegt. Dort hat er auch den späteren Regisseur Michael Leckebusch kennengelernt. Gerd Augustin schied nach der sechsten Sendung als Moderator an Nerkes Seite wieder aus. Es folgte als Co-Moderator Dave Lee Travis. Er ging 1969 zur BBC. Für die nächsten acht Folgen stand Dave Dee von der Musikformation Dave Dee, Dozy, Beaky, Mick & Tich an Nerkes Seite. Auch Eddi Vickers war als London-Korrespondent regelmäßig zu sehen. Zudem produzierte er die Pop-News der Sendung.

Gewagte Outfits

Zum Beat-Club-Kult gehörten auch die gewagten Outfits und die Miniröcke von Moderatorin Uschi Nerke. Mode, für die sie eigentlich gar kein Geld hatte, sagte sie in einem Interview im Buch "Beat-Club" von Thorsten Schmidt. Superkurz sollten demnach die Röcke vor der Kamera sein. Als Inspiration habe ein Playboy-Heft, das Mike Leckebusch ihr in die Hand drückte, gedient. Doch von den 300 Mark, die sie pro Sendung bekam, wie sie sagte, konnte sie sich das nicht leisten und nähte sich seither alles selbst. Mit ihren gewagten Outfits wurde Uschi Nerke zur Mode-Ikone der Sechziger Jahre.

Generation Beat-Club

Bild: Radio Bremen | Jutta Vialon